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Selbstständig als Freelancer: Grosse Freiheit, hoher Preis

Autor: Sarah Sommer / am

Kein Chef. Keine nervigen Kollegen. Arbeiten wo und wann man will. Viele Angestellte träumen von der grossen Freiheit als Freelancer. Aber wie gross ist das finanzielle Risiko? Wann lohnt sich der Schritt in die Selbstständigkeit?

Ein unbefristeter Job. Festanstellung bis zur Pensionierung. Geregelte Bürozeiten. Von der Gewerkschaft ausgehandelte, regelmässige Gehaltssteigerungen. Bezahlte Ferien und sichere Altersversorgung: Für viele Menschen klingt das nach einem Traumjob, sicher und berechenbar. Andere hingegen bekommen bei der Vorstellung eines solchen traditionellen Angestelltenjobs Beklemmungen: Sie fühlen sich im klassischen Normalarbeitsverhältnis eingesperrt, in ihren Entwicklungsmöglichkeiten und ihrem Handlungsspielraum beschränkt. Sie wünschen sich mehr Freiheit – und träumen davon, sich als Freelancer selbstständig zu machen und auf eigene Rechnung zu arbeiten. Doch lohnt sich das Risiko? Bringt die grosse Freiheit als Selbstständiger auch ein vergleichbares oder sogar höheres Einkommen mit sich als das Angestelltenverhältnis?


Rund ein Viertel der Schweizer arbeitet bereits heute ohne Chef und auf eigene Rechnung – haupt- oder nebenberuflich. Das zeigt eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Deloitte. Rund ein Drittel derjenigen, die noch nicht freiberuflich Geld verdienen, wollen dies der Studie zufolge in den nächsten Jahren ändern. Die Deloitte-Experten betrachten die Digitalisierung als einen der wichtigsten Treiber dieser Entwicklung. Schliesslich wird es immer einfacher, im Home-Office, im Co-Working-Space oder an wechselnden Orten von unterwegs zu arbeiten. Und die App-Stores sind voll mit nützlichen Tools und Hilfsmitteln, die Freelancer beim Management ihrer selbstständigen Tätigkeit unterstützen – sei es bei der Finanzplanung, beim Zeitmanagement oder bei der Erstellung von Präsentationen und Angeboten.

Auch Kunden und Aufträge lassen sich heute in vielen Branchen leichter akquirieren als früher: Eine Vielzahl von digitalen Plattformen vermittelt Freelancern in der Schweiz Aufträge und bietet ihnen die Möglichkeit, sich ohne grossen Aufwand mit potenziellen Kunden zu vernetzen und erste Referenzen als Selbstständiger zu sammeln. Softwareentwickler, Texter, Werber, Unternehmensberater, aber auch Ärzte, Ingenieure oder Architekten entscheiden sich für den Weg in die selbstständige Arbeit. Fast 80 Prozent der Führungskräfte in Unternehmen erwarten, dass in Zukunft Freiberufler und befristet Angestellte die klassischen Vollzeitbeschäftigten ersetzen werden.
Ist Freelancing also die Arbeitsform der Zukunft? Tatsächlich hat die Digitalisierung auch ihre Schattenseiten und kann es Freelancern sogar schwerer machen, ein auskömmliches Einkommen zu erzielen. Denn digitale Plattformen sorgen für eine grössere Preistransparenz auf dem Markt – und tragen damit dazu bei, dass Freelancer in vielen Branchen leichter austauschbar werden. Schliesslich ist der nächste Freiberufler auch für den Auftraggeber immer nur einen Klick entfernt. Umso wichtiger, Stundensätze und Kosten geschickt und professionell zu kalkulieren – und den eigenen Marktwert zu kennen.



Vor der grossen Freiheit kommt also das grosse Rechnen. Wem es schon schwer fällt, mit dem Chef über eine Gehaltserhöhung zu verhandeln, sollte sich den Schritt in die Selbstständigkeit gut überlegen. Denn wer als Einzelkämpfer unterwegs ist, muss ständig über den Wert der eigenen Arbeit verhandeln. Viele Freelancer neigen dazu, die Bedeutung einer professionellen Kalkulation zu unterschätzen und ihre Stundensätze zu niedrig anzusetzen.



Einer der häufigsten Fehler ist es gerade beim Start in die freie Arbeit, die Nebenkosten für Steuer, Sozialversicherung und Altersvorsorge in der Kalkulation der eigenen Preise zu unterschätzen. Denn vieles, worum sich bei Angestellten der Arbeitgeber kümmert, landet bei Freiberuflern als zusätzliches To-Do auf dem eigenen Schreibtisch und sorgt gerade zu Anfang der Selbstständigkeit für Kopfzerbrechen: Freiberufler sind etwa nicht automatisch gegen Arbeitslosigkeit und nicht obligatorisch gegen Unfall versichert. Die berufliche Vorsorge ist für sie freiwillig. Sie sind allerdings verpflichtet, das freiberufliche Einkommen bei einer Sozialversicherungsanstalt anzumelden. Freelancer müssen ihre Sozialversicherungsbeiträge selbst zahlen und sich bei der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) registrieren. Und: Nur wer regelmässig mindestens drei verschiedene Kunden hat, wird überhaupt als selbstständig Tätiger anerkannt. Wer mehr verdient als 100'000 Franken im Jahr, muss sich zudem beim Mehrwertsteuerregister anmelden und Umsatzsteuer abführen. Wichtig sind auch Unfall-, Kranken- und Invaliditätsversicherungen, die den Einkommensverlust ausgleichen, wenn Freiberufler wegen Krankheit oder Unfall nicht arbeiten können. All diese Faktoren müssen Freelancer in die eigenen Preise einkalkulieren, wenn sie nicht nur von der Hand in den Mund leben wollen.



Portale wie gigme.ch nehmen Freiberuflern einige dieser lästigen Aufgaben ab, indem sie sie mit anderen Freelancern vernetzen: Die Portale vermitteln Dienstleister, die sich etwa um Rechnungsstellung kümmern, bei Versicherungsfragen und der Steuererklärung helfen.
Doch sind die vielen rechtlichen Fragen geklärt und die Kosten für Versicherungen und Steuern einkalkuliert, ist mit dem Rechnen noch längst nicht Schluss. Denn auch der Zeitaufwand, der für Organisationsaufgaben wie Buchhaltung, Kundenakquise und -Betreuung anfällt, muss ein Freelancer in die Stunden- oder Tagessätze und Pauschalen einkalkulieren. Und auch Urlaubs- und Erholungszeiten müssen durch die laufenden Aufträge mit finanziert werden.



Wer nicht nur von der grossen Freiheit, sondern auch von einem ordentlichen Einkommen als Freelancer träumt, muss also viel Vorarbeit leisten und immer wieder dafür kämpfen, den eigenen Marktwert zu optimieren. Wer sauber kalkulierte und einträgliche Stunden- und Tagessätze durchsetzen will, muss sich dabei von der steigenden Konkurrenz durch andere Freelancer absetzen - und darauf hin arbeiten, für Kunden nicht leicht austauschbar zu sein. Auch in einer digitalisierten Arbeitswelt bleibt es daher für Freelancer wichtig, persönlich enge Beziehungen und effiziente Netzwerke aufzubauen und sich mit strategischen Partnern zusammenzutun. Und noch mehr als jeder Angestellte müssen sie sich immer wieder fragen:Was ist meine Arbeit wert?

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