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Wie viel Gehalt kostet ein Baby?

Autor: Sarah Sommer / am

Frauen verdienen in der Schweiz meist weniger Geld als Männer. Ein Kind verschärft die Lohungleichheit und kostet Frauen im Schnitt bis zu 88 Prozent ihres vorigen Gehalts, fanden Forscher nun heraus.

Während noch darum gestritten wird, wie hoch der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau tatsächlich ist, haben Forscher längst die nächste Ungerechtigkeit herausgefunden:
Denn Mütter verlieren nach der Geburt des ersten Kindes bis zu 88 Prozent ihres Gehalts. Das Einkommen der Väter hingegen sinkt nicht.
Diese Zahlen hat ein internationales Forscherteam errechnet.
Sie haben die Auswirkungen einer Geburt auf das Gehalt der Eltern in sechs Ländern untersucht. Trauriger Anführer der Liste ist Österreich,
dicht gefolgt von Deutschland. Im ersten Jahr verdienen österreichische Mütter im Durchschnitt 88 Prozent weniger als noch vor der Geburt.
In Deutschland sind es 78 Prozent. Diesen Gehaltsverlust holen die Frauen auch in den darauffolgenden Jahren nicht mehr auf. Denn selbst
wenn die Kinder schon zehn Jahre alt sind, müssen Mütter weiterhin mit bis zu 60 Prozent weniger Geld als in ihrer Zeit ohne Kinder auskommen.
Im Vereinigten Königreich, den USA und Schweden sieht es schon besser aus: Dort fallen die Gehaltseinbußen der Mütter deutlich geringer aus.
Dänemark schneidet in der Untersuchung am besten ab.

Doch wie ist die Lage für Schweizer Mütter? Dieser Frage hat sich der Student Lukas Tschan angenommen. Er hat im vergangenen Jahr die
Forschung des internationalen Teams auf die Schweizer Lohnverhältnisse übertragen und herausgefunden, dass es Schweizer Mütter zumindest
besser haben als die deutschen und österreichischen.
Während vor der Geburt die Gehälter bei Mann und Frau seiner Studie zu Folge im Mittel fast gleich hoch sind, öffnet sich nach dem ersten Kind
die Lohnschere. Mütter verdienen im ersten Jahr rund 20 Prozent weniger als die Väter. Bei einem durchschnittlichen Netto-Jahreseinkommen in
der Schweiz entspricht das immerhin rund 9200 Schweizer Franken. Da die Gehälter der Männer mit der Zeit steigen, die der Frauen aber auf dem
niedrigen Niveau verharren, wächst auch der Lohnunterschied. Im zweiten Jahr nach der Geburt verdienen die Mütter dann schon 39 Prozent
weniger als die Väter, was 17.000 Schweizer Franken im Jahr entspricht. Kinder wirken beim Gehalt somit auch in der Schweiz wie eine Strafe
– die Forscher sprechen von der „baby penalty“.

Schuld an dieser Kluft ist die nach wie vor konservative Aufgabenverteilung in der Familie. Die Väter arbeiten nach
der Geburt des ersten Kindes meist Vollzeit weiter. Die Mütter nehmen nach der Geburt eine vom Staat unterstützte Auszeit. Vierzehn Wochen
nach der Geburt ist Schluss mit der Mutterschaftsentschädigung, nach sechzehn Wochen erlischt der Kündigungsschutz. Um dennoch Zeit für die
Familie zu haben, flüchten viele Frauen in die Teilzeit.
Insgesamt arbeitet laut Bundesamt für Statistik fast die Hälfte aller Schweizer Frauen in einem Teilzeitjob – bei den Männern ist es nur ein
Fünftel
. Frauen stecken nach eigenen Angaben vor allem für die Familie zurück. Männer hingegen verkürzen ihre Arbeitszeit für eine Ausbildung oder ein Studium – die
Familie scheint dabei keine grosse Rolle zu spielen. Auch nach der Geburt des ersten Kindes arbeiten Schweizer Väter mit durchschnittlich 45
Stunden die Woche weiter, wie die Untersuchung von Tschan zeigt. Die frischgebackenen Mütter hingegen arbeiten auch zehn Jahre nach der
Geburt im Schnitt nur 22 Stunden pro Woche.

Wenn beide Elternteile nach der Geburt eines Kindes weiterhin Vollzeit arbeiten, dann sinkt das Gehalt der Mutter also nicht? Leider falsch.
Die Untersuchung zeigt, dass vollbeschäftigte Väter im Durchschnitt ein Netto-Jahreseinkommen von 110.769 Schweizer Franken hatten, die in
Vollzeit arbeitenden Mütter bekamen jedoch nur 76.632 Schweizer Franken. Die Fallzahlen der Schweizer Untersuchung sind zu gering, um in
diesem Fall eine repräsentative Aussage für die Gründe dieser Ungleichheit zu treffen. In der Studie des internationalen Teams stellten
die Forscher aber eine ähnliche Entwicklung bei vollbeschäftigten Elternpaaren in Dänemark fest. Die Frauen wechselten dort nach der Geburt
oft in andere Stellen, die sich besser mit der Familie vereinbaren liessen, aber ein geringeres Gehalt mit sich bringen. Die dänischen
Frauen nahmen zum Beispiel oft Stellen im öffentlichen Sektor an.

Damit auch Väter eine Auszeit nehmen und mit dem Nachwuchs zuhause bleiben, haben Schweden und Deutschland gesetzlich sogar finanzielle
Anreize geschaffen. In der Praxis bleiben die Männer dennoch meist nur wenige Wochen mit dem Baby zuhause. Die Frauen übernehmen weiterhin
den Grossteil der Kinderbetreuung. Die kurzfristige Auszeit spiegelt sich darum auch nicht in den Gehältern der Väter wider. Staatshilfen
bringen also wenig. Um die Gehaltslücke zwischen Müttern und Vätern zu schliessen, wäre ein Umdenken notwendig. Berufstätige Mütter werden auch heute noch oft
als Rabenmutter bezeichnet. Diese Einstellung ändert sich in der Schweiz nur langsam. Das Bundesamt für Statistik hatte im Jahr 2013 Männer
und Frauen dazu befragt, ob sie finden, dass ein Kind im Vorschulalter leidet, wenn seine Mutter berufstätig ist (https://www.nzz.ch/schweiz/bundesamt-fuer-statistik-familien-und-generationen-rabenmuetter-auf-dem-rueckzug-1.18508990).
Während in den Jahren 1994/95 noch rund 50 Prozent der Frauen und über 60 Prozent der Männer zustimmten, waren es im Jahr 2013 nur noch knapp
über 30 Prozent bei den Frauen und knapp 45 Prozent bei den Männern.
Dennoch galt die Schweiz in einer Studie des Magazins Economist im Jahr 2017 weiter als eines der Länder mit den schlechtesten Bedingungen für
arbeitende Frauen
. Untersucht wurden die Länder, die der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören. Wie gewohnt belegten dabei die skandinavischen Länder
die ersten Ränge. Die Schweiz allerdings reiht sich auf Platz 26 von insgesamt 29 ein und liegt damit direkt vor der Türkei, Japan und
Südkorea. Dieser Vergleich zeigt deutlich auf, dass es noch viel zu tun gibt, bis Babys keine finanzielle Strafe mehr für ihre Mütter sind.

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