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Reallohn: Streit um Schweizer Löhne

Autor: Sarah Sommer / am

Die Reallöhne in der Schweiz sinken. Ausgerechnet jetzt, wo die Konjunktur wieder brummt, können Angestellte sich also von ihrem Lohn weniger kaufen. In den Vorjahren hatten die Reallöhne hingegen trotz Frankenschock und schwächelnder Wirtschaftsleistung kräftig zugelegt. Wie passt das zusammen?

Das bedeutet Reallohn

Gute Nachrichten: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Stimmung in den Führungsetagen ist bestens,
und die Nachfrage nach Fachkräften steigt. Beste Voraussetzungen also, um nun endlich einmal mit dem Chef über eine
Gehaltserhöhung zu verhandeln! Könnte man meinen. Tatsächlich erleben viele Schweizer Angestellte derzeit,
dass ihre Arbeitgeber von Gehaltserhöhungen trotz gut laufender Geschäfte nichts hören wollen. Mehr Geld für die Angestellten?
Unmöglich, heisst es in vielen Firmen.


Die Zahlen zur Lohnentwicklung,
die das Bundesamt für Statistik (BFS) im Juni veröffentlichte, sprechen eine deutliche Sprache: Die Nominallöhne stagnieren.
Im Schweizer Durchschnitt stiegen die Löhne im Jahr 2017 nominal gerade einmal um 0,4 Prozent. Und unterm Strich
blieb Schweizer Arbeitnehmern davon: Nichts. Sie hatten sogar weniger im Portemonaie als zuvor. Denn die Teuerung frass
den Mini-Lohnzuwachs gleich wieder auf: Die Inflation lag bei 0,5 Prozent. Der Reallohn sank also sogar – erstmals seit zehn Jahren. Die schlechte Nachricht:
Die Prognosen für das Jahr 2018 sehen nicht viel besser aus – die Schweiz belegt bei der Reallohnentwicklung im europaweiten
Vergleich einen der letzten Plätze.

Aber wie kann das sein – wenn 2018 gleichzeitig die Schweizer Wirtschaft um solide 2,2 Prozent wachsen soll,
und wenn die Finanz-Experten in Unternehmen gar von einem
„Mini-Boom“
der Schweizer Wirtschaft sprechen? Wenn Schweizer Güter und Dienstleistungen auf dem Weltmarkt begehrt sind, und Fachkräfte in
vielen Unternehmen händeringend gesucht werden? Warum gönnen die Schweizer Arbeitnehmer ihren Angestellten keine Gehaltserhöhungen,
die den Namen auch verdienen?



Das fragen sich nicht nur die Gewerkschaften.
Die Argumente, die Arbeitgeber in der Sache vorbringen, lassen sich so zusammenfassen: In den vergangenen Jahren hätten Schweizer Unternehmen
die Auswirkungen des Frankenschocks voll auf sich genommen. Man habe es in den Führungsetagen nach dem Frankenschock im Grossen und Ganzen hingenommen,
dass die Margen und die Kapitalpolster der Unternehmen sinken, ohne den Franken-Effekt durch Entlassungen oder Lohnsenkungen an die Arbeitnehmer
weiterzugeben. Unter dieser grosszügigen Lohn- und Personalpolitik habe in den vergangenen Jahren aber die Produktivität gelitten,
und notwendige Investitionen seien zurückgestellt worden. Damit sei auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und der Schweizer
Wirtschaft insgesamt gesunken. Jetzt, im Aufschwung, gelte es also erst einmal, diese Lücke wieder zu schliessen. Soll heissen:
Für Lohnerhöhungen ist kein Geld da, weil jetzt erstmal Investitionen nachgeholt und die Erträge des Aufschwungs in weiteres Wachstum
investiert werden müssen.





Mehr noch spreche jetzt gegen Lohnerhöhungen, argumentiert der Arbeitgeberverband: Es gebe nämlich ohnehin gar
keinen Nachholbedarf
bei den Löhnen
. Denn zwar seien die Nominallohn-Zuwächse in den vergangenen Jahren kaum der Rede wert gewesen.
Allerdings seien die Reallöhne gleichzeitig sogar gestiegen.


Stimmt das? Ja. Zwischen den Jahren 2008 und 2016 kletterten die Reallöhne Jahr für Jahr um rund 1,2 Prozent nach oben.
Fakt ist: Die Lohnzurückhaltung der Arbeitgeber war in der Schweiz jahrelang kaum spürbar. Denn die Deflation sorgte dafür,
dass Waren und Dienstleistungen Jahr für Jahr billiger und die Finanzierung des Alltags damit günstiger wurde.
Zwar stiegen nicht die Gehälter, aber deren Kaufkraft stieg: Man konnte sich vom Lohn mehr kaufen.
Auch ohne Gehaltserhöhungen hatten Arbeitnehmer Jahr für Jahr gefühlt ein bisschen mehr Geld übrig.



Jetzt aber kehrt mit dem schwächeren Franken
die Inflation zurück.
Die Preise für importierte Güter, das sind zum Beispiel Autos, Computer, aber auch Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs in den
Supermärkten steigen nun wieder.
Auch Rohstoffe wie Erdöl, die Unternehmen auf den Weltmärkten einkaufen müssen, werden teurer. Hinzu kommen weitere Effekte,
die in der Inflations-Rechnung noch gar nicht enthalten sind: So steigen etwa die Krankenkassenprämien deutlich an.
Der paradox erscheinende Effekt: Jetzt, wo es der Wirtschaft besser geht, haben die Schweizer Arbeitnehmer weniger Geld in der
Tasche als in den Jahren, in denen die Konjunktur schwach war.



Die gute Nachricht: Allzu lange werden Arbeitgeber die derzeitige Lohnzurückhaltung wohl nicht mehr durchhalten können.
Denn die Gewerkschaften machen Druck, um die Löhne an die neuen gesamtwirtschaftlichen Realitäten anzupassen.
„Auch die zunehmende Knappheit an qualifizierten Arbeitskräften wird in vielen Branchen Wirkung zeigen – wenn auch erst mit zeitlicher Verzögerung“,
sagt Lohncheck-Vergütungs-Experte Tobias Egli. Prognosen stützen diese Einschätzung: Die Ökonomen der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH rechnen
in ihrer aktuellen Prognose jedenfalls damit, dass die realen Löhne im Jahr 2019 durchschnittlich um 0,5 Prozent steigen werden.
Die realen Durchschnittslöhne, die Bonuszahlungen mitberücksichtigen, sollen gar um 1,0 Prozent
nach oben klettern
.



Wenn es Ende Jahr an die Gehaltsverhandlungen für 2019 geht, können Arbeitnehmer also durchaus selbstbewusst in die Verhandlungen
mit ihren Chefs gehen. Wenn die dann allerdings weiterhin darauf pochen, dass kein Spielraum für Gehaltserhöhungen da sei,
lohnt sich womöglich vor der Verhandlung einmal ein Blick auf die Höhe der Top-Management-Gehälter im Unternehmen.
Denn zur Wahrheit über die Gehaltsentwicklung der vergangenen Jahre gehört auch: Die Zurückhaltung bei Gehaltserhöhungen
galt nicht für alle gleichermassen. Für Top-Manager und Führungskräfte war die Schweiz auch im vergangenen Jahr ein
„Vergütungsparadies“
. Sie zählten im europaweiten Vergleich weiter zu den Top-Verdienern – Franken-Schock und Investitionsstau hin oder her.
Die Löhne der Top-Führungskräfte in den Chefetagen stiegen zwischen 2011 und 2017 im Schnitt um satte 16 Prozent.
Da bleibt auch nach Abzug der Inflation ein ordentliches Plus übrig.

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